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Der Moment der Wortlosigkeit

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Ich habe nicht die Gewohnheit die Überschrift zu vergeben, bevor ich angefangen habe, den Artikel zu scheiben. Erst nach dem ich geendet habe, suche ich nach einem Titel, der den Anspruch genügt wiederzugeben, was ich sagen wollte. Denn meine Gefühle am Anfang meiner Schreibarbeit können sich von den Gefühlen nach dem Vollenden des Textes unterscheiden, und der Titel kann unzureichend für das Beschreiben des Inhaltes sein. So war es dieses Mal jedoch nicht. Schon als ich das erlebt habe, beschloss ich das gesehene niederzuschreiben und der Titel war dabei schon vergeben. Der Titel war bekannt schon bevor mein Text existierte: Der Moment der Wortlosigkeit...

Wir fahren mit meinem Vater Diakon İshak Tanoğlu und meiner Tante Rechtsanwältin Dalita Özdiler von Elazığ nach Mardin. Es ist der 3. Mai 2009. Ein Tag, an dem der Frühling pure Freude schenkt, die Sonne so langsam mehr Wärme verbreitet,  die Blumen ihr ganzes Charme nutzen, um all ihre Farben und Düfte den Menschen zu präsentieren, der Regen sich mit der Erde vereint und es aufgehen lässt, der Himmel mit seinen blauen Augen ein Wächter über all dies zu sein scheint und seine Arme wie ein Riese bis ans Ende breitet und die Wolken ein nettes Geplauder mit der Sonne halten. Jedoch war es ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem die Kirche besucht, ein Gottesdienst abgehalten, ein Smalltalk mit den Versammelten geführt, etwas gegessen und getrunken werden sollte. Es hatte nicht den Anschein ein außergewöhnlicher Sonntag zu werden. Zumindest dachte ich so. Bis ich Aday gesehen hatte...

An diesem Sonntag waren wir in der Kirche Mor Eliyo. Die Kirche erwartete demütig, mit ihren offenen, majestätischen Türen die Gemeinde, um sie hineinzulassen. So wie die Kirche demütig die Türen für die Gemeinde offen hielt, so erwartete sie auch von den Besuchern beim Eintreten eine entsprechende demütige Haltung. Die zweite, also die innere Tür der Kirche war niedrig gebaut, als würde sie damit den Besucher bitten sich zu verbeugen. Wir verbeugten uns und traten ein. Es war eine neurestaurierte, nicht zu große Kirche mit Säulen. Mor Eliyo ist eine Kirche, die an nur einem Tag im Jahr, nämlich der Tag des Heiligen Mor Eliyo für den Gottesdienst geöffnet wird. Der Gottesdienst fing an. Die Messdiener begannen die Gebete auszusprachen. Bis hierhin war alles ganz gewöhnlich. Bis die „Am Schelyo“ vorgetragen wurde...

Ja, einer sprach dieses Gebet aus. "Barechmor, ham Schelyo u Deheltho u Nakfutho. Nsuth uneschmah lasbartho d‘Mele hayotho, db‘Euangalyun kadischo d‘Moran yeschuh Mschiho d‘methqre hlayn." Man konnte ihn nicht sehen. Ich blickte durch die Reihen von Männern, die vor mir platzgenommen hatten. Mein Gott! Man hörte zwar die Stimme, doch der Messdiener war nicht zu sehen. Ich wunderte mich wie es sein konnte. Obwohl ich ziemlich groß bin, so musste ich doch aufstehen. Da müsste doch jemand sein. Eine helle, jedoch nicht zu schwache Stimme, die ihre Existenz nicht körperlich sondern geistig in den Vordergrund stellt, mit voller Würde, voller Kraft und das Wichtigste mit aufrichtiger Ernsthaftigkeit, nahm ich wahr. Nach großer Anstrengung konnte ich endlich sehen. Mein Gott!!! Ihr könnt mir glauben, in diesem Moment stand die Zeit für mich still. Die Menschen standen still, der Pfarrer stand still, alles stand still. Es gab drei Sachen die fortliefen: der momentane Abschnitt des verrichten Gottesdienstes, ich und Aday. Das gesehene hatte mich innerlich so sehr berührt, dass ich die Bedeutung gar nicht erklären könnte. Für das Wiedergeben stoße ich hier an Grenzen. Glaubt mir, ich finde keine Worte, die würdig sind die Bedeutung dieses Momentes wiederzugeben. Ein vier-jähriger Junge. Sein Name ist Aday. Aday Akyüz, der Enkel des Pfarrers Gabriel Akyüz aus Beth Kustan, der Sohn von Yuhanna Akyüz. Er hatte nicht einmal das Schulalter erreicht. Er konnte weder lesen, noch schreiben. Wenn ihr nach seiner Körpergröße fragt, so hatte er nicht einmal die Ein-Meter-Marke erreicht. Jedoch stand er vor dem Altarraum und dem Pfarrer mit Würde und vollem Kenntnis der Bedeutung seiner Aufgabe gegenüber. Er verrichte seine Aufgabe für Jesus Christus, mit großer Liebe, mit ganzem Wesen, mit vollem Glauben und ganzer Kraft, in der Art eines kraftvollen Soldats. In seiner Hand war der Weihrauchfass. Die Länge des Weihrauchfasses überrag seine eigene Größe. Jedoch hat diese Aufgabe wenig mit seiner Körpergröße gemein. Und wenn es so wäre, so hätte er nicht den Mut gehabt diese Aufgabe zu übernehmen. Der Mut dieses zu tun resultiert weder aus seinem Alter, seiner Körpergröße, noch ist es Zwang des Vaters oder der Mutter. Er wird von seinem Herzen, seinem Glauben, seiner Kultur und seiner inneren Liebe zu Jesus Christus dazu bewegt.

Ich konnte nicht mehr stehen bleiben. Ich bin zu ihm gegangen. Mir kam es vor, als würde es sonst niemanden in der Kirche geben. Aday war da, ich war da und das Gebet, das gerade verrichtet wurde, war da. Es gab keine Worte, sondern es waren Gefühle da. Das was von Aday raus kam, war mehr ein Gefühl, eine Freude, als nur reine Worte. Aday las vor und die Menge hörte zu, jedoch haben wahrscheinlich einige nicht einmal dieses Gefühl mitbekommen. Denn sie sahen wahrscheinlich einfach nur einen kleinen vier-jährigen Jungen. Jedoch war Aday in dem Moment nicht nur ein einfacher vier-jähriger Junge. Aday war in dem Moment vieles. Er war die Kultur, er war Entschlossenheit, er war der Kämpfer von Morgen und er war ein Vertreter. Er war die Verkörperung der Existenz, des Glaubens, der Liebe zu der Kirche, der Weitergabe der Kultur, der Ausübung von etwas für seinem Volk, für die Menschheit und am wichtigsten für Jesus Christus. Er war ein Beweis.

Am Schelyo ging weiter. Wechselseitig zwischen Aday und dem Pfarrer. Als der Pfarrer betete, legte Aday das Weihrauchfass wegen Ermüdung auf den Boden ab. Das Gewicht des Weihrauchfasses war der Grund der körperlichen Ermüdung von Aday. Jedoch hatte er die geistige Last schon längst überwunden und auf seine Schulter genommen. Die geistige Last konnte Aday nicht ermüden, denn er hatte von seinem Großvater und Vater die benötigten Gene geerbt und hatte eine kulturelle und religiöse Ausbildung erhalten, die ihm in der Kombination seiner eigenen Persönlichkeit das Überwinden dieser Aufgabe ermöglichten.

Diejenigen, die in diesem Moment Aday nur zuhörten, konnten ihn nicht verstehen. Für sie war dieser immer noch ein gewöhnlicher Sonntag und Aday war ein gewöhnlicher Messdiener… Denn zur Sinneswahrnehmung nutzten Sie nur ihre Ohren und Augen. Wenn Sie jedoch zwischen Sehen und Erkennen unterscheiden könnten, so würden Sie erfassen, dass Aday nicht nur ein Bild oder ein Geräusch war. Aday war ein Spross, der mächtige Wurzeln tief in der Erde entfaltet hatte. Aday war ein Eisberg, bei dem nur ein kleiner Anteil seiner wahren Größe sichtbar war. Wer Aday anschaute, sah nur den Spross oder die Spitze des Eisberges. Wer jedoch erkennen konnte, sah seine tiefen Wurzeln und die wahre Größe des Eisberges unter Wasser. So tiefgreifende Gefühle hatte ich das erste Mal während der Zeit der Übersetzung und Erstellung des Buches von Mor Afrem gehabt. Falls man es sagen kann, Mor Afrem hatte eine Stelle in meinem Herzen berührt, eine zweite Stelle hat nun Aday berührt.

Das was mein Herz an diesem Tag berührte war, das man nicht nur Aday sehen konnte. Es war die syrische Orthodoxie. Zu sehen waren die Mühen derjenigen, die diesen Glauben bis zu unserem heutigen Tag weitergetragen hatten, der Geist unserer Väter, die der Kirche gedient hatten, der Leib der Märtyrer, die ihr Leben für den Glauben geopfert hatten, die Mühen der Personen, die sich für unsere Kirche, Jesus Christus, der Gemeinde und der Menschheit einsetzen. Genau deswegen, weil ich zum ersten Mal sehen konnte, dass sovieles bei einem vier-jährigen Jungen zusammenkam, war es der Moment der Wortlosigkeit. Ich weiß weder, ob mein Gefühl damals Freude war, noch weiß ich, ob es Stolz, Aufregung oder Dankbarkeit war. Jeoch weiß ich, dass eine zweite Stelle in meinem Herzen berührt worden war. Ich habe erkannt, dass dieses nicht mit Geld bezahlbar ist und auch nicht mit Gewalt zu halten ist. Es ist eine Herzensangelegenheit, es ist eine Sache der Liebe. Ich kann euch als Zeuge dieses Erlebnisses bestätigen, solange es Adays wie diesen auf dieser Welt gibt, solange wird das Verschwinden der syrischen Orthodoxie oder das Aussterben der Kultur unmöglich sein. Denn in ihrer Anwesenheit werden sie keine Freiräume für diese Optionen zulassen.

Aday war der Hauptdarsteller an dem 3. Mai 2009. Das was Aday zu dem Aday machte waren die Liebe und der Glaube in seinem Herzen. Es war der Mut den Menschen gegenüber sein Potenzial in die Tat umzusetzen. Es war die Entschlossenheit, das Erbe seiner Familie anzutreten. Aday änderte diesen einen Tag von einem gewöhnlichen, für einen für mich ganz besonderen und unvergesslichen Tag. Tihe Aday!! Aloho Toreloh.

Sara Tanoğlu ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ), 22.05.2009, Istanbul
Übersetzung ins Deutsche: Cebrayel Hiyo, 29.05.2009

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